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RIAS

RIASNach der Wiedervereinigung und dem Fortfall des besonderen besatzungsrechtlichen Status von Berlin erlosch die amerikanische Trägerschaft des RIAS; am 31. Dezember 1993 ging ein Stück Rundfunkgeschichte zu Ende. Mit Wirkung vom 1. Januar 1994 ging der Rias in das DeutschlandRadio ein. Der RIAS hatte mit Günter Neumann und seinen Insulanern für viele Jahre die schlagendste, heiterste und zeitkritisch wohl beste Kabarettreihe in seinem Programm, die je für einen Sender geschrieben wurde.

 

Bye, Bye RIAS – Abschiedsworte an einen Freund

Siegfried Buschschlüter, der letzte Programmdirektor von RIAS BERLIN sagte in den letzten Minuten vor Sendeschluss am 31. Dezember 1993 um 23.55 Uhr:

Lieber RIAS! Wie oft habe ich in den letzten Wochen und Monaten diese vertraute Anrede gelesen, in vielen, vielen Hörerbriefen. Wie oft folgte dieser Anrede eine ganze Lebensgeschichte. Immer wieder tauchte da ein Wort auf, das das besondere Verhältnis zwischen diesem Sender und seinen Hörern beschreibt: “Der RIAS hat uns unser Leben lang begleitet, in schweren wie in heiteren Stunden.

Viele RIAS-Hörer sind mit Ihrem Sender gross geworden, er ist Teil ihres Lebens, er gehört ganz einfach dazu. Kann man ihnen, will man uns verdenken, dass wir dem Abschied des RIAS mit Wehmut entgegensehen? Der Name weckt Erinnerungen, und der Name RIAS war immer mehr als eine Abkürzung, wohlklingender als die Buchstabenfolgen, die anderen Stationen als Senderkürzeln dienen. RIAS wurde schon lange nicht mehr buchstabiert.

Der Rundfunk im amerikanischen Sektor, der am 7. Februar 1946 als Drahtfunk, als DIAS, seinen Sendebetrieb aufnahm, war im Raum Berlin der erste freie, unzensierte Rundfunksender seit 1933. Als “eine freie Stimme der freien Welt” wurde der RIAS mit seinen politischen, kulturellen und Unterhaltungssendungen schnell zu einem festen Begriff, zu einem Symbol der amerikanischen Garantie für die Sicherheit und Lebensfähigkeit West-Berlins.

Als die Berliner ausgehungert werden sollten, wurde der RIAS zum moralischen Blockadebrecher. Noch heute erinnern sich ältere Berliner an die Zeit, als der RIAS die Bevölkerung bei Stromsperre über Lautsprecherwagen mit den wichtigsten Nachrichten versorgte.

Als der Würgegriff der kommunistischen Machthaber auf den Lebenswillen der Berliner immer stärker wurde, bot der RIAS die Insulaner auf. Ihrem Mutterwitz und ihrer Schlagfertigkeit war die andere Seite hoffnungslos unterlegen. Gegen Günter Neumanns kabarettistische Treffsicherheit konnte plumpe Propaganda wenig ausrichten. Dabei sprachen die Insulaner alle Themen an, die den Berlinern auf der Seele lagen, artikulierten in ihrer unnachahmlichen Art die Sorgen und Nöte der Menschen, ihre Hoffnungen und Wünsche. Als der Insulaner noch unbeirrt hoffte, dass seine Insel eines Tages wieder Anschluss an das Festland gewinnen würde, vermittelte Friedrich Luft seinen Hörern – und sie waren Legionen – auf seine Art den Duft des Theaterlebens, stets bemüht, über die Bretter der Welt auch ihren Lauf zu deuten. Nie zuvor und nie danach war Theater im Radio so lebendig, so anschaulich. “Gleiche Stelle, gleiche Welle” – 45 Jahre lang Meisterwerke der Kritik.

Zu einer Zeit, als das Fernsehen noch nicht übermächtig war, verstand es Hans Rosenthal mit einfachen Mitteln, aber mit viel Herz, Charme und natürlicher Bescheidenheit, die Menschen von den Sorgen des Alltags abzulenken, sie ganz einfach gut zu unterhalten.

(…)

Wenn Dein Nachfolger, lieber RIAS, es macht wie Du, wenn er sich kümmert um das, was die Menschen bewegt, wenn er sich müht um das, was sie verbindet, muss es uns um seine Zukunft nicht bang sein.

Zuversicht und Wehmut, mit diesen Gefühlen stehen wir an der Jahreswende. Zuversichtlich, dass das Beste von RIAS und DS Kultur in DeutschlandRadio Berlin erhalten bleibt, wehmütig, weil in wenigen Minuten ein halbes Jahrhundert Rundfunkgeschichte zu Ende geht.

Du hast Deinen Rang in der Zeitgeschichte;
den kann Dir niemand nehmen.

Du hast Deinen Platz im Herzen der Menschen;
da kann Dich keiner verdrängen.

Mach’s gut, lieber Freund!
Bye bye RIAS, bye bye.