Günter Neumann

Das erste Sechstel meines Lebens

1913 bis 1949

Ich wurde am 19. März 1913 in Berlin geboren. Als ich ein Jahr alt war, brach der Erste Weltkrieg aus, für den ich garantiert nichts konnte.

Ich besuchte in Berlin die Schule bis 2 Minuten vorm Abitur. Ich hätte eine Prüfung doch nicht bestanden, weil ich als Pianist des Kabaretts “Katakombe” schon allabendlich am Nachtleben Berlins teilnahm, wo ich ganz andere Prüfungen zu bestehen hatte.

In der “Katakombe” lernte ich eine Reihe von Kleinkunstleuten, Satirikern, Schauspielern und Musikern kennen, Werner Finck, Max Kolpe, Erik Ode, R.A. Stemmle, Erwin Straus, Walter Behr, von denen ich jetzt einige als Amerikaner und Franzosen wiedergetroffen habe.

1938 heiratete mich die Schauspielerin Tatjana Sais.

Als für Kämpfe wenig prädestinierter Mensch kämpfte ich im Dritten Reich nicht dafür, aber auch nicht dagegen. Trotzdem wurde ich mit meinen Kollegen Werner Finck, Walter Gross, Günter Lüders u.a. von den Herren der Staatspolizei eingeladen, mich mit Verhören, Verhaftung und Hausdurchsuchungen vertraut zu machen. Das Lachen des Publikums im Theater galt schon als staatszersetzend und wurde abgeschafft.

Ich schrieb gelegentlich Filmlustspieldialoge und kleine Kabarettlieder. Vier Tage vor dem Krieg legte man Wert darauf, mich in Uniform zu sehen. Ich hatte das Glück, in dem mir aufgezwungenen Ehrenkleid die Fenster vieler Kasernen putzen zu dürfen, die Toiletten zu reinigen und die Exerzierhöfe zu kehren. Einmal schrieb ich auf Wunsch eines Obersten einen Militärmarsch. Der Marsch brachte mir sechs Wochen Urlaub ein.

Als er fertig war, brannte glücklicherweise meine Wohnung ab, so dass der Marsch nie an die Öffentlichkeit geriet. Am 20. April 1945 kapitulierte ich in Leipzig bedingungslos und bekam dafür ein Päckchen Chesterfield sowie die Möglichkeit, den Sommer über am Rhein zu verbringen. Es war ein gemütliches kleines Camp mit 200.000 weiteren Gefangenen. Als ich dachte, dass ich im Entlassungszug sässe, kam ich plötzlich in Frankreich an. Dort verbrachte ich ein erholsames Jahr in Chartres.

Wir bauten aus amerikanischen Kisten Geigen und Kontrabass, die Saiten waren Schnüre amerikanischer Parchutes, die Blasinstrumente schickte die YMCA. Mit dieser Jazzbesetzung spielten wir auf vielen Parties. Man gab uns abends, wenn wir aus dem Camp geführt wurden, Zivilanzüge und deklarierte uns als Holländer. Das wirkte sich in der Verpflegung großartig aus. Nachdem ich bei einer Campaufführung die Musik zum Lieblingsstück des französischen Kommandanten, “L’aiglon” von Rostand geschrieben hatte, fand der Lagerarzt, dass ich krank genug sei, um nach Hause zu fahren.

Im Juni 1946 kam ich nach Frankfurt, wo ich vier Wochen verbrachte. Zwei Wochen mit dem Ausfüllen von Fragebogen und zwei Wochen mit dem Schreiben von Radiosendungen. Zusammen mit Werner Finck fuhren Tatjana Sais und ich nach Berlin.

Allgemein über meine Einstellung zu satirischen Arbeiten könnte ich sagen: ich finde es wichtig, die Menschen auf Fehler und Schwächen hinzuweisen. Aber ich finde es unfair, ihnen Eintrittsgeld abzunehmen, um ihnen hässliche Dinge von der Bühne herunterzuschimpfen.

So kam ich auf die Mischung, das Publikum zunächst zu unterhalten und zum Lachen zu bringen und ihnen dabei in heimtückischen Dosen Dinge, die ich für richtig und nachdenkenswert halte, in den lustigen Cocktail zu träufeln.


Friedrich Luft über Günter Neumann

“(…) Günter Neumann war, wie vor ihm eigentlich nur der eben schon ehrenvoll genannte Friedrich Hollaender, ein Mann der doppelten Begabung. Er konnte in Musik aktuell denken und konnte schon bestehende Musik so zitieren, sie verändern und an sie erinnern, daß er damit immer wieder an die Glocke des Unterbewußtseins schlug. In vielen Sätteln gerecht, darin war Neumann Meister. Neumann konnte, was er mit freumde, was er mit raffiniert zitierter Musik sagen wollte, wunderbar einleuchtend und deutlich machen. Und er konnte Musik zum selbst geschlagenen Vers selbst erfinden. Er war ein Künstler, der sozusagen mit doppeltem Ausdruck sich kenntlich machen konnte. Er fand das richtige Wort. Und er gab dem Wort, gab dem Vers den wunderbar passenden Ton hinzu. Darin war er wieder Meister. (…)

aus der Einleitung von Friedrich Luft im Buch “Schwarzer Jahrmarkt” – Günter Neumann – Eine Revue der Stunde Null – Lothar Blanvalet Verlag, Berlin-Wannsee, 1975